Auf der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wurde im November 2025 in Dresden die Friedensdenkschrift „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick. Evangelische Friedensethik angesichts neuer Herausforderungen“ veröffentlicht. Seitdem wird diese kontrovers diskutiert.
Die Friedensdenkschrift unterzieht angesichts der Erfahrungen mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine und der verheerenden Kriegsereignisse das Konzept des Gerechten Friedens einer Neubestimmung, das der friedensethischen Orientierung zwischen Gewaltfreiheit, Schutz vor Gewalt und zunehmend gewaltförmigen globalen Krisen eine robuste Argumentationsgrundlage im Blick auf politische Handlungsfähigkeit verschaffen will. Die Neubestimmung nimmt, anders als die vorausgehende Kundgebung der EKD-Synode von 2019 „Auf dem Weg zu einer Kirche der Gerechtigkeit und des Friedens“ (ebenfalls in Dresden), den ausschließlichen Vorrang von Gewaltfreiheit und ziviler Konfliktbearbeitung zurück und ordnet ihn in ein Gesamtkonzept ein, in dem die Sicherung gegen Gewalt die Basis eines durch Förderung von Freiheit, Abbau von Ungleichheiten und friedensfördernden Umgang mit Vielfalt bestimmten Gerechten Friedens bildet. Der konsequente Pazifismus wird in diesem Rahmen als ethische Haltung gewürdigt, aber in seiner politischen Bedeutung relativiert. Diese Neubestimmung ist sowohl auf viel Zustimmung wie auf deutliche Kritik gestoßen.
Während der Realismus im Blick auf die Rolle von und den (auch militärischen) Schutz vor Gewalt auf Zustimmung von politischer, wie theologischer Seite mit Bezug auf die Wirklichkeit der Sünde in der Welt und gesellschaftlichen Verhältnissen gestoßen ist, wird die Absage an den Pazifismus als politischer Handlungsanweisung von anderer Seite als Verrat an den ethischen Maßstäben der Bibel, insbesondere der Bergpredigt, gesehen. Dabei wird insbesondere auf die dringend benötigte Rolle der Kirche(n) als friedensfördernder Kraft verwiesen. Auch eine mangelnde Bezugnahme auf die Komplexität der zivilen Einhegung von Gewaltpotenzialen wird konstatiert.
Diese Kontroverse bildet den Anlass für eine Diskussion mit dem federführenden Autor der Friedensdenkschrift, Prof. Dr. Reiner Anselm von der LMU München, und dem Mitinitiator der Initiativen „Sicherheit neu denken“ und „Kirche des gerechten Friedens werden“ der Evangelischen Landeskirche in Baden OKR i.R. Prof. Dr. Christoph Schneider-Harpprecht